
ZANGEZI
Zangezi ist ein Gesamtkunstwerk, das beeinflusst von bildender Kunst, Musik und Theater, Futurismus und Konstruktivismus, die Auflösung der epischen Erzählform in radikale Sprachexperimente feiert.
Im Mittelpunkt von Chlebnikows Werk steht der Prophet Zangezi, eine Mischung aus modernem Messias, Politiker und Guru. Zangezi ist in der Lage, mit den Vögeln, den Göttern, dem Kosmos zu kommunizieren. Im Stück versammeln sich die Massen in einem Bergwald, um Zangezis Predigten zu hören und zu versuchen, die Sprachen der übermenschlichen Welt zu verstehen.
Auf seinem Berg stehend kommuniziert Zangezi zum Beispiel mit den Vögeln, die eine onomatopoetische Vogelsprache sprechen („Wjer-wjör wiru ssjek- ssjek-ssjek! Wer-wer wiru ssek-ssek-ssek!“). Zangezi befindet sich außerdem im Kontakt mit den Göttern, die in einer unverständlichen Zungenrede singen („Mara-roma, biba-bull! Uks, kuks, el! Rededidi dididi! Piri-peppi, pa-pa-pi! Tschogi guna, geni-gan!“). Zangezi spricht in rhythmischen Versen, in einer soghaften, poetischen Sprache und in lyrischen Monologen („Ich, Schmetterling, der sich verflogen ins Zimmer eines Menschenlebens, soll die Schrift meines Staubs an den rauhen Fernstern lassen…“).
Außerdem verwendet Zangezi eine „Sternensprache“ – eine Sprache, die aus Konsonanten und erfundenen Wörtern besteht, die nicht nur akustische Eigenschaften haben, sondern auch mit geometrischen Punkten im Raum verbunden sind. Diese Sternensprache ist das extremste Beispiel für das, was die russischen Futuristen Zaum nannten (ein russisches Wort, das mit „jenseits jeden Sinns“ übersetzt werden kann). Zaum zielte darauf ab, eine utopische, universelle Weltsprache zu schaffen – eine Sprache, die sich aus Klängen, Konsonanten, Anrufungen und Beschwörungsformeln zusammensetzt –, um die sprachlichen Trennungen zwischen den Nationen und Völkern aufzuheben.
Gleichzeitig suchte Chlebnikow sein ganzes, kurzes Leben lang nach algorithmischen Formeln, die zukünftige historische Ereignisse vorhersagen würden. Chlebnikow erkundete auf spielerische und poetische Weise mit Worten und Zahlen die Grenzen zwischen Sinn und Un-Sinn, Wahnsinn und Vernunft, Ordnung und Unordnung, erdgebundener und kosmischer Erfahrung.
Zangezi sprüht und funkelt nur so vor Worten, die sich in ekstatische, kehlige Urlaute verwandelt haben und an den Anfang der Menschheitsgeschichte oder die erfundenen Sprachen von Kindern, in denen Sinne und Welt noch nicht durch rationales Denken voneinander getrennt sind, erinnern.